Erdige Töne, trocken wie Staub



Adolphe Sax, der Erfinder des Saxophons, starb 1894 in Paris


Von Christoph Hardt

Lorenzo hatte eine kantige Stimme, tragend, dominant im Gedröhn der vierköpfigen Mannheimer Band. Und doch reichte das nicht. Irgendwann, so vor zehn Jahren, kaufte sich Lorenzo das Altsaxophon, schloß sich für drei Wochen in seinen Keller, und als er wieder heraufkam, trällerte er den" Pink Panther" mit einer Grazie, die jedem alten Orchesterklarinettisten die Tränen in die Augen getrieben hätte. Von da an ging es aufwärts mit der Band, Enzo und das Saxophon immer publikumswirksam in Front.


Typisch Saxophon, die Geschichte: Steht doch das goldene Horn nicht nur bei den Musikwissenschaftlern noch immer in dem zweifelhaften Ruf, das Instrument zu sein, das man am schnellsten schlecht zu spielen lernt: Ein glänzender Aufschneider mit großer Klappe, laut, außen glänzend, die Seele aber ziemlich gewöhnlich. Folgerichtig spricht das hochehrwürdige deutsche Musiklexikon MGG noch in seiner jüngsten Ausgabe von der "Abart der Klarinette".

Adolphe Sax hätte es wissen müssen, das verkannte Genie, das ein verkanntes Genie erfand oder vielmehr eine ganze Familie davon, Siebenlinge, von Sopranino bis Kontrabaß. Am 4. Februar 1894 starb der Revolutionär des Blasinstrumentenbaus mit 79 Jahren in Paris, abgehalftert, arm, alleingelassen von den großen Komponisten, den Dirigenten, ihren Musikanten.

Dabei hatte alles so glänzend begonnen: 1814 im belgischen Dinant als eines von elf Kindern des Blasinstrumenten-Bauers Charles Joseph Sax geboren, machte Antoine-Joseph schon als Kind Eindruck, als Klarinettist. Sein erfolgreicher Vater zahlte ihm das Musik-Studium am Brüsseler Konservatorium. Bald schon eilte ihm der Ruf eines Meisters auf der Klarinette voraus. Doch was war das Spiel mit den Tönen im Vergleich zur Chance, den Tönen selbst einen neuen Klang zu schaffen? Sax begann, Instrumente zu bauen, kompromißlos, sechzig Jahre lang.

Er dachte und bastelte, entwarf, hämmerte - und lebte aus dem Bauch. Unehelich kamen seine fünf Kinder zur Welt, seine Geliebte, Adele Maor starb mit 30: Geld, Ruhm, Sex und Musik, alles nur Staffage für sein eigentliches Leben, das sich in der Werkstatt abspielete. Die Zahl seiner Patentanmeldungen ist unübersehbar, die rastlose Wut des Neuerers trieb Sax, hetzte ihn hinaus über die Grenzen des Musikalischen. Nach der Dampforgel erfand er spezielle Kamine für Lokomotiven, ein medizinisches Anwendungsgerät für die Teer-Therapie, er brütete über Super-Orgeln und Riesen-Kanonen und blieb trotz der Ausflüchte ins Abstruse den Blasinstrumenten treu.

Hörner, Tuben, Fagotte, Klarinetten, Sax versuchte sich an fast allem, das Töne über eine Luftsäule erzeugte. Doch nur einem gab er seinen Namen: 1841 ist erstmals von einem "Saxophon" die Rede, ein Jahr später schon ist Sax in Paris und führt dem Komponisten Hector Berlioz seine Erfindung vor: ein Baßsaxophon. Berlioz hörte begeistert zu, stieß doch der instrumentale Neuling gleich in zwei Lücken: Im Großen Orchester waren die tiefen Stimmen der Holzbläser zu schwach, in den beliebten Freiluftmusiken aber verpuffte der Klang der Streichinstrumente.

Zu diesem Zwecke gebar Sax einen Zwitter, einen Kegel aus Blech, dessen Töne über ein Holzplättchen geblasen wurde, welches auf einem Klarinettenschnabel saß. Berlioz reagierte euphorisch: Das Saxophon werde zur "Revolution der Musikinstrumente" beitragen. Sein Klang sei "von einer Natur, die ich bei keinem tiefen, gebräuchlichen Instrument kenne; er ist voll , weich, schwingend." Absolut neu sei der Klangcharakter, und obwohl es für schnelle Passagen ungeeignet scheine, so sei doch unmöglich, das Saxophon "zu mißbrauchen und seinen majestätischen Charakter durch musikalische Gehaltslosigkeiten zu zerstören".

Da hatte Berlioz mal wieder des Guten zuviel getan, so wie er selbst die Instrumente Sax´ in den Himmel lobte, sie in seinen Partituren aber sträflich vernachlässigte. Das hatte freilich auch seine Gründe. Im großen Orchester machen sich Stärken und Schwächen des Instruments etwas unfein bemerkbar: Im Baß dominant, gehen die relativ breiten Spitzentöne in den Höhen der Blechblasinstrumente unter. Und so mußten die Saxophone in der ernsten Musik fast nur Versagerrollen spielen, trotz eines Richard Strauss, eines Ravel oder Hindemith.

Statt dessen sorgten die Instrumente aus Sax' Werkstatt auf einem ganz anderen Feld für Furore. Am 22. April 1845 spielte sich auf dem Pariser Marsfeld ein denkwürdiges Wettspiel ab: Zwei Militärkapellen spielten gegeneinander, die eine traditionell ausgerüstet, die andere in "Sax-Formation". Aldolphe und seine Instrumente feierten einen gewaltigen Erfolg, von diesem Tag an setzten sich seine Hörner und Saxophone in den französischen Armeekapellen durch. Sogar den preußischen Militär-Musikanten wurde Sax' Erfindung angedient - und fiel durch, natürlich.

Später glaubte offensichtlich auch die französische Armeeführung, daß das krumme Instrument die Moral der Truppe zu wenig stärke. Jedenfalls wurden die SaxInstrumente nach der katastrophalen Schlachtfeld-Schlappe von Sedan 1870 aus der Armee verbannt.

Zu dieser Zeit hatte Sax längst schon seine größten Niederlagen erlitten: Denn seine Erfolge hetzten ihm die Neider - und die waren zahlreich in Paris - auf die Fährte. Kometenhaft war zunächst der Aufstieg seines Unternehmens, einer schon 1843 gegründeten Aktiengesellschaft. Vier Jahre später schon konnte Sax neben den Werkshallen einen eigenen Konzertsaal bauen, für 400 Personen. Doch kaum war der französische Patentantrag für Saxophone gestellt, folgten Klagen, Verleumdungen, Prozesse. Das Kreuz der Ehrenlegion, 1848 verliehen, nützt dem Geschäftsmann Sax wenig, schon 1852 muß er seinen ersten Konkurs beantragen.

Der zweite folgt 1873, nachdem seine Instrumente auch von der Armee geschaßt sind, vier Jahre später der dritte, das endgültige geschäftliche Aus. Er muss seine riesige Instrumentensammlung verscherbeln, Manuskripte der von ihm angeregten Kompositionen landen beim Trödler. Eine tiefe Demütigung ist die Ablehnung seines Angebots, kostenlos eine Saxophon-Klasse am Pariser Konservatorium zu leiten. Die letzten Jahre überlebte Sax dank einer kleinen Pension der Pariser Oper. Nur ein paar Leute sind dabei, als das verkannte Genie am 10. Februar 1894 auf dem Friedhof von Montmartret beigesetzt wird.

Es passt zu solchen Geschichten, dass die Saxophone schon zwanzig Jahre nach dem Tod des Erfinders ihren Siegeszug antreten, als Jazz-Instrumente. Während in Europa der Erste Weltkrieg tobt, läuft Sax´ Horn in den Jazz-Kellern Chicagos der Klarinette den Rang ab, es ist dabei, als das Ende des New-Orleans-Jazz naht und die große Ära der Big-Bands beginnt. Schon fünfundzwanzig Jahre später, als in Europa wieder der Krieg tobt, wird es zu der Jazz-Röhre und zum Träger der Revolution des Bebop, mit Charlie Parker und seinem "Alt". Der hatte in seinem kurzem Leben dem Gerät auch die letzten tönenden Funken entlockt, wild und ekstatisch auf dem Instrument wie im Leben. Dem Welterfolg von "Sax and Jazz" mochte die Ignoranz der nazibeflissenen Hüter deutscher Musikmoral nichts mehr anhaben, die in den dreißiger Jahren die "heillos verlogene Seele" des Instruments geißelten, so wie Amold Weiß-Rüthel in der Allgemeinen Musikzeitung 1932: "Das Moralisierende, in Momenten der Sehnsucht in sacharinsüßen Lyrismen sich Ausheulende, das Geblök sitzengebliebener Jungfrauen... vermag das Saxophon mit einer für Hellhörige geradezu ekelerregenden Naturtreue zu offenbaren." Sax' Erfindung läßt keine Kompromisse zu, bei Feind und Freund nicht. Wer nur ein paar Töne hat spielen dürfen auf dem Horn, der weiß, wie nahe er ist am klingenden Kern der Musik, da kommen erdige Töne, trocken wie Staub mitunter, und plötzlich hell und grell - so schwer, es wieder aus dem Mund zu geben. 100 Jahre nach dem Tod seines Erfinders braucht der "Farbenmischer der Träume" (Darius Milhaud) keine Konkurrenz zu fürchten längst ist die Blockflöte auf dem Markt für Blasinstrumente überrundet, das Saxophon allgegenwärtig.

 

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